Monatliches Archiv: Dezember 2014

Die Vermessung der Welt 2.0

Wie, Sie wissen nicht, wo Mo I Rana liegt? Der Blick in eine der üblichen Suchmaschinen wird Ihnen sagen, dass in dieser kleinen Stadt knapp unterhalb des Polarkreises das Gedächtnis Norwegens und der Norweger gebaut wird. Die Nationalbibliothek des in vieler hinsichtlich fortschrittlichen Landes hat hier zwischen Walzwerken und alten Stahlöfen ihre Digitalisierungsfabrik errichtet.

Alles was im Königreich bis zum Jahr 2001 erschienen ist, wird gesammelt, digitalisiert und sofort zugänglich gemacht. Das wären dann schon 6.000 Therabyte, so der stellvertretende Leiter der Nationalbibliothek, Roger Jøsevold . Die Grenze nach oben ist offen.

Jøsevold war einer der Sprecher der Konferenz Zugang Gestalten – Mehr Verantwortung für das Kulturelle Erbe, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Deutsche Digitale Bibliothek und Wikimedia im November schon zum 4. Mal in Berlin veranstalteten.

Dass die fleißigen Scanner am Polarkreis wahrhaftig „mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ gestalten, steht außer Zweifel. Wie sie und andere Länder dies aber angehen, war Thema dieser internationalen Tagung: Norwegen setzt für sein „Erbe-Projekt“ sehr auf die dortige, weltweit wohl einmalig günstige Gesetzeslage (Legal Deposit Act) die von der Öffentlichkeit getragene Mission, einen finanziellen Anreiz für die Verlage und auf das Versprechen, dass einmal Veröffentlichtes nun ein ewiges Leben habe.

Die Veranstalter schätzen, dass derzeit nur zehn Prozent des europäischen Kulturerbes digitalisiert und online zugänglich ist. Der Vertreter von Google wies darauf hin, dass zehn Jahre nach Start von Google-Books erst 1/26 der Weltliteratur online verfügbar sei. Der Vertreter des niederländischen Archivs für Film, Bild und TV in Hilversum merkte an, dass die audiovisuelle Produktion derzeit so stark zunehme, dass an eine zentrale Kompletterfassung und -erschließung gar nicht mehr zu denken sei. Man habe – Seitenblick nach Norwegen – auch schon 10,3 Petabyte zusammen.

Man sucht nun also nach „smarten“ Wegen, um die Welt neu zu vermessen:

GLAM…steht für Galerien, Bibliotheken (Libraries), Archive and Museen. Und die hat Wikimedia für sich entdeckt. Der Australier Liam Wyatt war der erste „Wikipedianer in Residence“ am British Museum und koordiniert nun die Aktivitäten zwischen Europeana, dem europäischen Kulturerbe-Projekt und Wikimedia: In Europeana erfasste Objekte werden über Wikimedia leichter zugänglich, die Kommentierungen in den Wikimedia-Sprachen erhöhen die Reichweite, die Wikimedia-Editionen verbessern einen Eintrag kontinuierlich. Vielerorts finden in Bibliotheken oder Museen so Wikimedia-Editathons statt, bei denen sich die zumeist ehrenamtlichen Wikipedianer vor Ort zusammentun und gemeinsam ein Fachgebiet (seien es römische Vasen oder der Fall der Berliner Mauer) bearbeiten.

Mitmach-Museum: Im Berliner Naturkundemuseum stellt man derzeit 30.000 Insekten online – und damit zur Diskussion der entomologischen Weltgemeinschaft. „Wir haben die Deutungshoheit verloren“, so der Leiter des Museums – und weist darauf hin, dass er auch einige seiner Dinosaurierskelette nach eingehender Online-Diskussion in ihrem Habitus drastisch anpassen musste.

Nutzerzentriert agieren: Tom de Smet, der Herr über 10,3 Petabyte, wies darauf hin, dass es für sein audiovisuelles Archiv immer mehr darauf ankomme, Freude an der Nutzung zu ermöglichen statt auf Vollständigkeit zu achten, dabei Geschäftsmodelle mit zu denken und die Plattformen möglichst weit zur Partizipation zu öffnen.

Das Gedächtnis der Welt fortschreiben: Verena Metze-Mangold von der Deutschen Unesco-Kommission wies als Schirmherrin der Veranstaltung auf die wachsende gesellschaftliche Verantwortung hin. Teilhabe am kulturellen Erbe sei Grundvoraussetzung für Wissensvermittlung, Bildung und gesellschaftliche Veränderung – und per se nur gesellschaftlich und politisch zu gestalten. Das Unesco-Projekt Memory of the World sei gerade für die internationale Verständigung und den Kulturaustausch von hoher Bedeutung.

Quellen kultureller Entwicklung sinnvoll aufeinander beziehen: Hermann Parzinger, Leiter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wies auf die Möglichkeit hin, über digitale Zugänge unterschiedliche Quellen (Museumsbestände, Film, Text) aufeinander zu beziehen. Hiervon macht die Deutsche Digitale Bibliothek bereits Gebrauch.

Paul Klimpel, der Organisator der Konferenz, wies allerdings darauf hin, dass Deutschland kein Vorreiter bei der Schaffung eines digitalen Zugangs zum kulturellen Erbe sei. Die USA, die Niederlande, Israel und Skandinavien seien hier bereits sehr viel weiter. In diesen Ländern sei spürbar, dass das kulturelle Erbe mit neuer Kraft in die Gesellschaft hinein wirke: Deutlich sei auch, dass andere Länder sich entspannter in der „rechtlichen Grauzone“ vieler Digitalisierungsfragen bewegten; es bestehe gesellschaftlicher Konsens, dass etwas verboten ist und dennoch gemacht wird. „Ja, es geht!“- so Klimpel und setzt hinzu: „Was nicht im Netz ist, ist in der Welt“.

Offene Konzepte: Die Menge macht‘s
Die so unterschiedlichen Ansätze lassen aber eine Gemeinsamkeit erkennen: Die digitale Vermessung der Welt, die Strukturierung und der Zugang zum kulturellen Erbe gelingen nur, wenn sie als offenes Konzept aufgesetzt werden: Durch die Beiträge vieler, nämlich sowohl der Experten und Spezialisten wie der großen Zahl der User, entsteht auf den digitalen Plattformen ein immer dichteres und genaueres Bild dessen, was wir als unser Erbe bezeichnen.

„Reuse is the vernacular culture of the internet”, meinte schließlich Liam Wyatt von Europeana, was grob als „Wiederverwertung ist die Alltagssprache des Internet“ übersetzt werden kann. Sein Nachsatz „Peace, Love and Metadata“ fasst schließlich die Gesamtstimmung der Konferenz treffend zusammen.

Klaus Krischok
Leiter der Abteilung Information des Goethe-Instituts

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